Ansprache von Hans Jürgen Delbrück, Sohn des Widerstandskämpfers gegen das Hitlerregime Justus Delbrück,  auf der Pressekonferenz zur Situation von Straßenkindern in Deutschland am 1.10.2013 in Berlin

Liebe Jugendliche, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde von KARUNA! 

Ich grüße Sie alle sehr herzlich!

 Der Film hat gezeigt, was wir gemeinsam, Ihr und wir mit dem Justus Delbrück Haus erreichen wollen. 

Ich appelliere daher eindringlich an die vielen Kinder und Jugendlichen in Not:

Um Eurer selbst Willen: sagt Ja zu einem Wandel Eurer Lebenssituation! Wer Ja sagt ist überzeugt, hat sich entschlossen einen ersten Schritt zu tun!

Wendet euch an Menschen und Einrichtungen, die Euch dabei unterstützen, wieder Selbstvertrauen  finden! 

Menschen, die mit euch auf Augenhöhe sprechen und dafür sorgen, dass eure Erfahrungen ernst genommen und öffentlich gemacht werden - so wie in der Akademie für Mitbestimmung. 

Sie ist nach meinem Vater Justus Delbrück benannt – ein Widerstandskämpfer gegen die Nazis im Dritten Reich. 

Mit geprägt von den Erlebnissen und menschlichen Schicksalen als Folge des 1.Weltkrieges wuchs mein Vater 

in einem Haus auf, in dem ein liberaler unabhängiger Geist herrschte. Auch Wiederspruch wurde akzeptiert. Es gab kein “Tu, was ich dir sage!“ 

So konnte er als Jugendlicher mit langem Haar und löcherige Hosen barfuß durch Berlin laufen. Am meisten freute er sich, wenn er als Laufbursche angesprochen wurde. -  Er wollte über den Tellerrand hinaussehen, erleben und verstehen.

Die feierliche Abiturfeier ließ er, in Verachtung aller Formen, sausen. Noch am selben Tag reiste er in der 4.Klasse per Bahn Richtung Dortmund, um sich als Bergmann das Studium zu finanzieren und selbst zu erfahren, wie die körperlich arbeitenden Menschen leben, denken und fühlen. 

Eine Erkenntnis aus dieser Zeit, die er auch an uns Kinder in seinen Abschiedsbriefen weitergegeben hat, lautet: 

“Ein Mensch, der sich wichtig nimmt, ist unfrei; denn er muss immer aufpassen, dass alle seine Wichtigkeit anerkennen“. 

Als junger Jurist im Staatsdienst weigerte sich mein Vater, in die NSDAP einzutreten. Sein erster Schritt des Widerstandes. 

Später beteiligte er sich an den Attentatsplänen gegen Hitler am 20.Juli 1944. 

Durch das Kriegsende konnte er zwar der Verurteilung durch die Nazis entrinnen; aber er wurde von den Sowjets inhaftiert – verdächtigt als „Mitarbeiter der Abwehr-Organe“. Er verstarb im Speziallager Jamlitz bei Lieberose. 

Die Liebe seiner Frau und Kinder, - das freie Denken und Handeln,  - Glaube und Nächstenliebe, - Verantwortung und Vertrauen - und sein ausgesprochenes Rechtsbewusstsein waren die Quelle seines Lebens. 

Im Gedenken an meinen Vater möchte ich allen Kindern und Jugendlichen in Not – ans Herz legen und Euch bitten: folgendes weiter zu tragen! 

Gebt niemals auf,   -   Glaubt an Euch! 

Gebt Euch eine Zukunft!  -  Und ergreift die Chancen, die wohlmeinende Menschen und Einrichtungen Euch bieten.

Das Justus Delbrück | Haus die Akademie für Mitbestimmung aufzusuchen ist ein erster Schritt um wieder Tritt zu fassen.