Rede von Prof. Dr. Gunter Thielen, Vorstandsvorsitzender, Walter Blüchert Stiftung

Die Kosten der Exklusion

1.10.2013

 

Liebe Frau Elsner,

sehr geehrter Herr Professor Hurrelmann,

lieber Herr Delbrück,

liebe Kinder und Jugendliche von KARUNA,

sehr verehrte Damen und Herren,

 

für wen unser Bildungssystem geeignet ist oder nicht und was der fehlende Zugang zu Bildung bedeutet, hat Professor Hurrelmann gerade eindrucksvoll ausgeführt. 

 

Mich persönlich interessiert deswegen:  Wer von Ihnen ist über 25 Jahre alt und hat studiert? 

Wer von Ihnen ist dazu den „normalen Weg“, also über das Abitur, gegangen?  

 

Und wer von Ihnen hat es über den 2. oder einen sonstigen Bildungsweg geschafft?

 

Das ist nicht verwunderlich, denn das schaffen in der Regel gerade einmal 2% eines Jahrgangs.

 

Und ich glaube, damit wird schon hier im Raum sichtbar, wo die Probleme in Sachen Bildung liegen.  Und es erklärt auch, warum sich die Walter Blüchert Stiftung für das Thema engagiert.  

 

Uns geht es darum, Barrieren zu überwinden.  Denn wir sind überzeugt davon, dass es sich unsere Gesellschaft nicht mehr leisten kann,  den Zugang zu Bildung schwierig, kompliziert und in vielen Fällen sogar hoffnungslos zu gestalten.

 

Wir wollen ein offenes, durchlässiges und flexibles Bildungssystem.  Wir wollen eines, bei dem nicht nur die Kinder des Bildungsbürgertums Chancen haben, sondern auch die, die keine perfekte Biografie haben.  

Die Lücken im Lebenslauf haben.  

Denen niemand erklären will oder kann, wie Schule geht.  

Wie Gymnasium geht.  

Oder wie sozialer Aufstieg geht.

 

Wir wollen keine „institutionelle Segmentierung“, wie sie Professor Hurrelmann gerade beschrieben hat:  für jeden eine Schublade, aus der er vielleicht nie mehr heraus kommt. Damit stellen wir fast jedes fünfte Kind auf ein soziales und gesellschaftliches Abstellgleis – und nehmen ihm die Zukunft.

 

Wir in der Walter Blüchert Stiftung sind überzeugt davon:  Zukunft, die unseren Kindern fehlt,  ist auch Zukunft, die unserem Land fehlt.  Wir können nicht mehr hauptsächlich auf Bildungsmodelle setzen, die vor 200 Jahren entworfen wurden.  Die heutzutage zu kurz greifen. Und die den Anforderungen der globalisierten Welt nicht mehr entsprechen.

 

Jeder fünfte deutsche Schüler bekommt so wenig mit, dass er zum Ende der Schulzeit gerade so viel weiß wie normalerweise ein Viertklässler. Und da nützen auch die Milliarden nichts, die Eltern für Nachhilfe ausgeben.  Oder die Unsummen, die es kostet, hunderttausende  Jugendliche  in Übergangsmaßnahmen ohne Abschluss zu stecken. 

 

Gleichzeitig warnen uns alle Studien vor den Folgen des millionenfachen Fehlens von Fachkräften und Akademikern. Dieses Fehlen ist ein Szenario,  das uns alle betrifft: unseren sozialen Frieden, unseren relativen Wohlstand, unseren Glauben an eine sichere Zukunft.

 

Und doch legt auch die Bundestags-Wahl in der letzten Woche die Vermutung nahe: Kurzfristig wird sich wenig ändern.   Dabei hat jeder das ungute Gefühl, dass Grundlegendes nicht so bleiben kann, wie es ist.  

 

Viele schauen daher zurück und suchen nach Vertrautem, an dem sie sich festhalten können. Zum Beispiel nach dem 3-gliedrigen Schulsystem. Und nicht nach vorne, um mit neuen Ideen um unseren Platz in der Welt zu kämpfen. 

 

Für diesen Blick nach vorne setzt sich die Walter Blüchert Stiftung ein.  Und deswegen unterstützen wir  Modellprojekte wie KARUNA und das „Justus Delbrück Haus“.

 

Wir brauchen einen ganz neuen Bildungsansatz: Der das Lernen durch Erleben und lebenslanges Lernen möglich macht. Bei dem es um das Lernen von Lernen und nicht das Lernen von Wissen geht.  Ein Bildungssystem, das von der Kita – über die  gebundene Ganztagsschule – bis hin zu einem flexiblen dualen Ausbildungssystem – jedem Kind eine Chance gibt. Und zwar unabhängig von Begrenzungen durch Alter, Nationalität, sozialen Status oder Hartz IV Gesetze.  Nur so können wir das erreichen,  was unsere Kinder, unsere Wirtschaft und unser Land in Zukunft brauchen.

 

An KARUNA und dem „Justus Delbrück Haus“  hat mich beeindruckt,  dass es mehr leistet als nur helfen.   Es beweist auch, dass man sowohl durchlässige Systeme als auch Teilhabe vorleben kann – und damit Nachhaltigkeit erzielt.

 

Wenn jemand spürt, dass er wertgeschätzt wird.  Wenn jemand sieht, dass er zu etwas Gemeinsamem beiträgt. Und wenn jemand erfährt, dass er Dinge kann, von denen er früher nicht einmal geträumt hätte - dann wird Zukunft möglich.

 

Wir, die wir uns bei KARUNA und der Walter Blüchert Stiftung dafür einsetzen, dass  die Tür zu Teilhabe auch für Straßenkinder aufgeht: Wir wollen dafür sorgen, dass diese Zukunft greifbar wird:  Für Einzelne wie Ari oder Gregor – die Sie gleich noch kennen lernen werden – jetzt und direkt.

Und für uns und für unser Land in ein paar Jahren, wenn die Zukunft dieser jungen Menschen zur Gegenwart geworden ist. Und diese Gegenwart gut ist.