Rede-Notizen von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann

(Hertie School of Governance und Leiter der Shell-Jugendstudie 2002, 2006 und 2010)

 

„Warum so viele Jugendliche am System scheitern“

1.10.2013

 

Klaus Hurrelmann beginnt mit einer Übersicht über die Ergebnisse der Jugendforschung. Demnach kommen fast 80% der Jugendlichen sehr gut mit den heutigen komplexen Lebensbedingungen in unserer Gesellschaft zurecht. Sie können den hochgestochenen Leistungsanforderungen nachkommen und spielen auch auf der Klaviatur der Medien souverän mit. Etwa 20% aber schaffen diese Leistung nicht. Meist sind ihre Elternhäuser nicht intakt und sie geraten schon sehr früh in ihrer Schullaufbahn auf eine abschüssige Route. Sie fahren schlechte Schulleistungen ein und verfehlen sehr häufig den Mindestabschluss. Man kann schätzen, dass eine einmal ungünstige Weichenstellung nur etwa von der Hälfte dieser jungen Leute später ausgeglichen werden kann. Bei der benachteiligten Hälfte häufen sich die Probleme, und es kommt zu einem Aufschaukeln von immer mehr Benachteiligungen.

 

Dem Schulsystem in Deutschland kommt eine zentrale Rolle hierbei zu. Es geht immer noch davon aus, dass die eigentliche Erziehungsarbeit in den Familien zu leisten sei. Die meisten Schulen konzentrieren sich deswegen auf die Leistungserbringung und achten wenig auf die persönlichen Voraussetzungen, die Schülerinnen und Schüler hierfür  mitbringen. Auf diese Weise bleiben viele derjernigen Schülerinnen und Schüler früh im System hängen, die mit schlechten Voraussetzungen aus dem Elternhaus gestartet sind. 

 

Unser Schulsystem unterstreicht diese Tendenzen durch die starke Aufgliederung in Förderschulen und Hauptschulen. Hierdurch entsteht eine institutionelle Segmentierung, die für die Schwachen aus eigener Kraft nicht zu überwinden ist. Das Ganze ist von den Lehrerinnen und Lehrern natürlich nicht beabsichtigt, es sind strukturelle Mechanismen im Bildungssystem am Werk. Und diese Mechanismen werden über Jugendarbeit und Nachbarschaft, über die Familien und die Freundesgruppen nicht mehr wirkungsvoll ausgeglichen. Auf diese Weise kommt es zu der immer stärkeren Abspaltung einer Teilgruppe der jungen Leute, geschätzt etwa 5% eines jeden Jahrgangs.

 

Die persönlichen Folgen dieser Ausgrenzung sind fatal. Wer schon früh in seinem Leben erfahren hat, dass er nicht richtig mithalten kann, verliert sein Selbstwertgefühl. Er verliert auch sein Selbstwirksamkeitsgefühl, weil er verlernt hat, sich aus seiner Situation durch eigene Aktivität heraus zu bewegen. In einer solchen Lage liegt es nahe, sich andere Bezugsgruppen und andere Verbündete für die Gestaltung des weiteren Lebens zu suchen. Meist sind das Jugendliche, die ebenfalls in eine schwierige Lebenslage geraten sind, und damit zieht man sich gegenseitig weiter in den Strudel hinein.

 

Warum also scheitern so viele junge Leute am heutigen gesellschaftlichen System? Weil dieses System sie strukturell missachtet und nichts mit ihren spezifischen Fähigkeiten und Interessen anfangen kann. Weil alles nur genormt und standardisiert sein soll, und jeder aus dem Raster herausfällt, der hiervon abweicht. Zugespitzt lässt sich sagen, weil das gesellschaftliche System unmenschliche Züge hat.